Obdachlosigkeit hat viele Gesichter. Und manche davon bleiben im Verborgenen.
Wenn psychische Erkrankungen wie Schizophrenie hinzukommen, geraten Menschen oft doppelt ins Abseits unserer Gesellschaft. Zwischen Vorurteilen, fehlender Unterstützung und dem täglichen
Überlebenskampf wird Hilfe dringend – und zugleich kompliziert.
Wir möchten hinschauen, verstehen und in dieser Serie zeigen, warum gerade diese Menschen unsere Aufmerksamkeit und Menschlichkeit brauchen.
DIE UNSICHTBARE MAUER... Teil 1
Warum Hilfe bei Schizophrenie auf der Straße so schwer ist!!!
Wenn wir an Obdachlosigkeit denken, sehen wir oft den Mangel an materiellen Dingen: kein Dach über dem Kopf, kein warmes Essen, keine saubere Kleidung. Doch für viele Menschen, die wir bei den StrassenEngeln betreuen, ist das größte Hindernis nicht ein fehlender Schlüssel, sondern eine schwere psychische Erkrankung: die paranoide Schizophrenie...
Was bedeutet paranoide Schizophrenie im Kontext der Straße?
Schizophrenie ist keine „gespaltene Persönlichkeit“, sondern eine komplexe Störung des Gehirns, die die Wahrnehmung verzerrt. Betroffene leiden unter Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Sie hören Stimmen oder fühlen sich verfolgt – oft von genau den Institutionen oder Menschen, die ihnen eigentlich helfen wollen.
Warum ist der Weg zurück ins „normale Leben“ so steinig?
Das zerbrochene Vertrauen: Das Kernsymptom der Paranoia ist Misstrauen. Ein gut gemeintes Hilfsangebot wird oft als Bedrohung oder Teil einer Verschwörung wahrgenommen. Wer glaubt, dass das Essen vergiftet oder die Unterkunft eine Falle ist, flüchtet zurück in die vermeintliche Sicherheit der Isolation.
Die fehlende Krankheitseinsicht: Viele Betroffene wissen nicht, dass sie krank sind. Für sie ist die Bedrohung durch die „Verfolger“ real. Ohne Krankheitseinsicht wird jede medizinische Behandlung verweigert, was eine Stabilisierung fast unmöglich macht.
Der Teufelskreis der Reizüberflutung: Ein geregeltes Leben erfordert Struktur. Doch die Straße ist ein Ort permanenter Reizüberflutung und Angst. Dieser Dauerstress befeuert psychotische Schübe. In einer Wohnung wiederum scheitern viele an der plötzlichen Stille und den sozialen Anforderungen der Nachbarschaft.
Die bürokratischen Hürden: Um Hilfe zu erhalten, braucht man Dokumente, Termine und Kooperation.
Ein Mensch in einer akuten Psychose kann diese Anforderungen nicht erfüllen. Er verpasst Termine, verliert Papiere und fällt so durch jedes soziale Raster.
Geduld als einzige Brücke
Den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden, ist für diese Menschen kein Sprint, sondern ein jahrelanger Marathon mit vielen Rückschlägen. Es erfordert „aufsuchende Hilfe“, die keine Bedingungen stellt. Man muss erst eine menschliche Beziehung aufbauen, bevor man über Medizin oder Wohnraum sprechen kann.
Wir bei den StrassenEngeln und insbesondere ich wissen:
Hinter jeder psychotischen Episode steckt ein Mensch mit einer Geschichte. Sie brauchen nicht nur Brot und Decken, sondern vor allem Menschen, die ihre Angst aushalten und nicht wegsehen!!!
Verfasserin Sabine Assmann

DIE UNSICHTBARE MAUER... Teil 2
Warum Hilfe manchmal so schwer ist – und warum wir niemals aufgeben dürfen...
Seit 26 Jahren begleite ich, unter anderem seit 10 Jahren als Leiterin der Organisation Strassenengel e.V. in Hanau, Menschen die am Rande unserer Gesellschaft stehen, Obdachlose!
Eine der größten Herausforderungen dabei ist die Verbindung von Obdachlosigkeit und Schizophrenie.Tatsächlich erkranken geschätzt bis zu 75 % der Menschen, die dauerhaft auf der Straße leben, an Schizophrenie oder sind sogar meist vorher schon daran erkrankt, was dann auch der Grund ist, der zu Obdachlosigkeit führt.
Das macht das Helfen und den täglichen Umgang oft unsagbar schwierig. Warum? Weil die Krankheit oft Misstrauen und Angst schürt – genau dort, wo eigentlich Hilfe gebraucht wird.
Doch wie können wir besser damit umgehen?
In meiner täglichen Arbeit habe ich gelernt:
MEINE BOTSCHAFT: „Hinter jedem Verhalten steckt ein Schicksal“
Schizophrenie ist oft der Grund, warum Menschen den Halt verlieren oder keine Hilfe annehmen können. Alle Menschen auf der Straße kämpfen mit psychischen Herausforderungen. Ihr Verhalten ist kein Unwille, sondern oft ein Symptom ihrer Erkrankung.
Der „Erste-Hilfe-Leitfaden“ für Bürger:
Ich setze mich leidenschaftlich dafür ein, dass niemand verloren geht – egal wie komplex die Diagnose ist. Es geht um ein Miteinander, das von Respekt und menschlicher Wärme getragen wird.
Lasst uns gemeinsam hinschauen, statt wegzusehen. Jede Seele verdient es, gesehen zu werden.
Verfasserin Sabine Assmann

Schizophrenie & Obdachlosigkeit Teil 3
Vertrauen finden in einer schweren Zeit
Die Straße ist hart, aber die Angst vor dem Unbekannten ist oft größer...
In meinen ersten Berichten habe ich darüber geschrieben, dass rund 75 % der Menschen auf der Straße an Schizophrenie oder paranoider Schizophrenie leiden.
Heute möchte ich auf einen Punkt eingehen, der uns in der täglichen Arbeit oft vor große Herausforderungen stellt:
Die tiefe Verunsicherung der Betroffenen.
Die Angst vor dem „Eingesperrtsein“
In letzter Zeit erlebe ich immer wieder, dass Menschen mit schwerer Paranoia enorme Angstzustände entwickeln, sobald es um stationäre Hilfe oder Therapien geht. Für sie fühlt sich Unterstützung oft wie ein Verlust ihrer Freiheit an.
Diese Angst ist so mächtig, dass sie manchmal sogar aus schützenden Einrichtungen weglaufen – zurück in die vermeintliche Freiheit der Straße, auch wenn diese sie körperlich und seelisch auszehrt.
Brücken bauen braucht Zeit und Geduld
Wir müssen diesen Menschen mit noch mehr Geduld und Verständnis begegnen. Es ist eine große Aufgabe, ihnen zu vermitteln, dass Hilfe keine Gefahr bedeutet.
In unseren bestehenden Systemen – ob in Kliniken oder Ämtern – ist es oft schwierig, den individuellen Bedürfnissen dieser Menschen gerecht zu werden. Die bürokratischen Abläufe und festen Regeln sind für jemanden, der in einer psychotischen Welt lebt, oft wie Brücken, die einfach noch zu hoch oder zu weit weg sind.
Gemeinsam Wege finden
Das Ziel muss sein, die Barrieren abzubauen.
Wir brauchen Wege, die für psychisch erkrankte, obdachlose Menschen begehbar sind:
Wir bei den Strassenengeln versuchen jeden Tag, diese Hand zu reichen und die ersten Schritte gemeinsam zu gehen. Es ist ein langer Weg zurück in ein stabiles Leben, aber jeder Schritt zählt. Angst kann wie ein unsichtbares Gefängnis sein.
Gemeinsam bauen wir Brücken, die man auch mit schweren Sorgen begehen kann.
Eure Sabine Assmann
Strassenengel e.V.

